Beitrag zum Wettbewerb „Notizbuch“ – von Stefan Gross

Dieser Beitrag stammt von Stefan Gross, Architekt

Steine

Der Altar der Arillas

Der Altar der Arillas ist ein Stein im Meer. Einer von fünf, die von der Steilküste gefallen sind. Er hat eine besondere Position, mit auffällig schönen Abständen zu seinen Brüdern und zur Steilwand hin. Entfernte man ihn, fehlte etwas, bliebe der Eindruck einer Lücke. Er bestimmt das System. Deshalb haben sie ihn ausgewählt. Vom Strand aus ist er nicht zu sehen. Man muss um den Arm der Bucht herum durchs Wasser. Man kann hin waten. Ich stehe bis zur Hüfte im Meer und will den Blick nicht abwenden, als könnte ich so das Kunstwerk auf dem Stein vor seinem Zerfall bewahren.

Der Schweizer sprach wohltuend langsam

Am Strand habe ich mich nicht wirklich mit meinem Notizbuch beschäftigt, weil ich mich mit einem Schweizer auf der Nachbarliege unterhalten habe. Ich habe nur wenig gesagt und ihn reden lassen. Es ist angenehmer zuzuhören, als das Gespräch zu führen, so geht es mir seit einiger Zeit mit fast allen, es ist nicht so wichtig, was ich zu einer Unterhaltung beitrage. Ein paar animierende Fragen genügen völlig, um ein Gespräch am Laufen zu halten. Der Schweizer sprach wohltuend langsam, wenn auch ein bisschen kompliziert, wie Schweizer manchmal so rüber kommen.

Altar der Arillas

Ja, ja, er sei schon etwas mehr als drei Wochen hier, dreieinhalb Wochen, das komme ziemlich genau hin, ja, dreieinhalb… Er verbringt hier einen längeren Arbeitsurlaub (Gutachten) und hat mir gleich von dem Altar erzählt, dem Altar der Arillas. Ich soll ihn mir unbedingt ansehen. Ich habe gestutzt, als er ‚Altar‘ sagte und er hat geschmunzelt, Altar der Arillas, und ich habe doch sicher gleich geblickt, dass mit den Arillas die Leute hier gemeint seien. Ob ich schon in Arillas gewesen sei? Man müsse schon ziemlich suchen, um sowas noch anderswo zu finden. Ibizza?

Er winkte ab

Er winkte ab. Da sind die alten Zeiten vorbei, ist nicht mehr cool. Die Leute hier, eine ganz bestimmte Mischung, einzigartig, ihm sei das sehr bewusst. Die Vollpfosten kommen hier nicht her, ist denen zu chillig, zu sophisticated, die saufen lieber drüber in Stefanos, spätestens mittags um vier stinkt der ganze Strand nach Suff und Sonnenmilch. Für die ist das fun, aber ich find’s zum kotzen. Hier ist joy. Definetely. Ich nickte, Joy, deswegen bin ich hier. Er lächelte genüsslich und schenkte mir ein paar Sekunden Gewissheit, dass es hier genug Joy für alle gibt. Du musst ihn dir unbedingt anschauen. Sie ist umwerfend schön.

Ein Balanceakt

Sie ist ein Balanceakt aus aufeinander geschichteten flachen Steinen, leicht gewölbten, und sie steht, was mir, je länger ich sie betrachte, immer wundersamer erscheint, bereits seit sechs oder sieben Tagen. Sie sei erschaffen worden an den heißen, windstillen Tagen letzte Woche, indisch heiß, wie der Schweizer (er heißt übrigens Simon) berichtete. Das Meer sei spiegelblank dagelegen und habe in der Sonne einen Dunst herausgetrieben, der über allem lag, auch über dem Strand, es sei wirklich magisch gewesen. Er habe gar nicht mitbekommen, dass da drüber was Großes entstehe.

Wellen schaukeln gegen meinen Bauch

Ein sanfter Wind weht. Wellen schaukeln gegen meinen Bauch. Jede leichte Böe lässt mich beten, die taoistische Königin möge bitte nicht jetzt vor meinen Augen kollabieren. Sie ist etwa so groß wie ein kleiner, zierlicher asiatischer Mensch, etwa einsfünfzig, und sie ist von überirdischer Schönheit. Sie muss von einem Team erbaut worden sein. Der Altar bietet gerade genug Platz für eine Person, die in der Hocke sitzend die Steine vor sich aufgebaut hat. Mindestens eine weitere Person muss ihr sie gereicht haben – stets die richtigen, passenden, die sich aufeinander fügen lassen. Sie sind nicht nach einer vordergründig logischen Ordnung aufeinandergeschichtet, unten die breiten, großen und dann nach oben hin die kleineren, keine Pyramide.

Eklektizistisch

Ich schaue mir ihr Profil genauer an, kneife die Augen zusammen und isoliere das Objekt aus seinem Kontext. Ich betrachte sie eklektizistisch: Unten schmal, sich verbreiternd ins Becken, dann schön tailliert, wieder breiter auslaufend zu angedeuteten Schultern, sich wieder leicht verjüngend zu einem langen, dünnen Hals, den Kopf bildet ein größerer, schwarzer Stein und er trägt ein Hütchen aus zwei kleineren, einem rotbraunen und einem weißen. Sie steht in einem leichten Bogen, so als würde sie in der Hüfte stehen und vermittelt den Eindruck von Standbein und Spielbein. Dann kritisch: Ihr jederzeit möglicher Zusammenbruch liegt in der Luft. Die bis an die äußersten Grenzen ausgeloteten Steine provozieren die Gesetze der Schwerkraft. Dann visionär, weil ich an gestern denke: Sie fängt an zu schaukeln und ich soll sie bewundern und charmant mit ihr sein. So lächle doch wenigstens, Liebster und schau nicht wieder so verschämt an mir vorbei. Das tut mir schließlich auch weh, so wird das nie was. Ich bin’s, ja genau, die von gestern, von DA OBEN…

Ein alter, verrosteter Türrahmen

Gestern saß eine Holde auf der Hollywoodschaukel, spielte Gitarre und sang spanischen Pop, leise und gekonnt, melodisch reduziert, verdächtig gut… Oben auf der Klippe, wo der Olivenmann einen kleinen Aussichtsgarten angelegt hat, gegenüber von seinem Verkaufsstand, wo man das beste Öl kaufen kann. Über dem Eingang, ein alter verrosteter Türrahmen, ist ein verwittertes Stück Holz angebracht, auf dem View Garden in Schreibschrift steht. Ich trat ein und setzte mich auf einen alten, angerosteten Metallstuhl. Sie schaute kurz, unsere Blicke verfingen sich zu ein paar losen Schlingen. Ich war mir gleich sicher, dass sie ein Star ist, im Urlaub, so wie ich. Vielleicht gehört ihr ein Haus hier oben und sie hat dort ein Studio.

Ich war nervös

Sie hörte auf zu singen, legte die Gitarre zur Seite und begann ein wenig zu schaukeln. Musste fast aufstehen, um mit den Füßen ein wenig Schwung geben zu können. Der Blick fliegt über die Grenze aus hartblättrigen Büchen am Klippenrand weit übers Meer. Wir schwiegen, nur die Schaukel knarrte leise. Als sie ausgeschaukelt hatte, nahm sie wieder die Gitarre, klimperte ein bisschen vor sich hin und stimmte sich ein auf was deutsches, sicher selbst geschrieben, vielleicht was aus ihrem neuen Album. Es muss von Liebe und Glück gehandelt haben, habe mir aber keine einzige Zeile merken können. Ich war nervös, wie soll ich so einer begegnen? Sie wird verlangen, dass ich weiß wer sie ist.

I wanna make love with you

Ich beobachtete sie nur aus dem Augenwinkel, vermied es sie anzuschauen, denn es wäre ein blödes, verschämtes Lächeln geworden. Sie leitete über auf ein paar Akkorde Blues oder Soul und begann dann was auf Englisch zu singen. Ich traute meinen Ohren nicht: “I wanna make love with you on a running train…“  la-la-hmm-la-la…. Gebetsmühlen knarrten in meinem auf der Stelle einrostenden Gehirn. Ich fühlte mich zu klein für den großen Moment, weggeschleudert von einer eigenartigen Kraft. Als ich mich ohne ein Wort, nicht mal einen Blick von ihr entfernt hatte und nur langsam wieder zu Gedanken kam, die ich denken wollte, dachte ich, ich hätte nur zur Schaukel hingehen, den Bügel fassen, ihr ein wenig Schwung geben müssen und sie hätte gekichert, und dann, der Star in meinen Armen…

Der Impuls, der das System zum Kippen bringen wird

Der Impuls, der das System zum Kippen bringen wird, ist schon unterwegs hierher, vielleicht induziert von einem Blitzschlag über Afrika und die resultierende Kraft wird hier früher oder später sowieso eintreffen und das ambitionierte Objekt zu Fall bringen.

Plötzlich habe ich einen Stein in der Hand

Plötzlich habe ich einen Stein in der Hand, weiß nicht, wann und wie ich ihn aufgehoben habe, weiß nicht… Ich streiche mir das Wasser aus den Haaren und nehme Maß. Vorbei. Ich angle mir den nächsten. Ich zögere, ziele dieses Mal nicht wirklich, das soll es schon regeln, mein Über-Ich, die Steckdose, über die ich ans Universum angeschlossen bin. Nächster irgendwie willkürlich empfundener Wurf. Knapp vorbei, so knapp, dass ich glaube den Aufprall zu hören. Ich gebe ihm oder ihr da draußen, da oben, da im irgendwo und nirgendwo mein Selbst in die Hand. Steine unter meinen Füßen gibt es genug…

Die Welle holt mich von den Beinen

Das Motorboot muss eine scharfe Kurve hinter meinem Rücken gezogen haben. Ich höre es nicht kommen, es kommt aus dem Windschatten. Die Welle holt mich von den Beinen. Als ich mich wieder klar habe, ist das Boot schon fast in Reichweite. Hey Man, what are you doing! She’s so beautiful! Amazing! Die Frau lacht ein amerikanisches Lachen, eins von der guten Sorte, und winkt mich heran. Sie klappt die Leiter runter. Ich klettere hoch, sage what are you doing! That was… Sie verzieht das Gesicht. Ah, come on….I’m from Stefano and you crazy… Are you ok? Stefano! Na sowas! Sie streckt mir den Arm entgegen und zieht mich an Bord. Come on man, let’s have fun.

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