Beitrag zum Wettbewerb „Notizbuch“ von Melanie Penquitt

Nicht bloß Worte

Erinnere-dich

„Bitte nimm mich mit“, sprach mein Notizbuch und ich nahm es mit. Mit zum Einkaufen. Zu Ausflügen. Zur Arbeit. Mit in den Urlaub. Mein Notizbuch wurde zum ständigen Begleiter. Zum Freund. Zum Erinnere-dich. Zum Therapeuten. Anstelle von Fotos, die in Fotoalben geklebt werden, hielt ich Worte fest. Und ganz im Gegensatz von Fotoalben, in denen nur das Schöne festgehalten wird, vertraute ich meinem Notizbuch alles an. Ich schrieb von Gefühlen und Gedanken genauso wie von Einkaufslisten und Kontaktdaten. Fuhr ich mit dem Auto, so saß mein Notizbuch neben mir oder lag im Handschuhfach zum Ausruhen. Passierte ich interessante Ortsnamen, so rief es aus: „Bitte füttere mich!“ Ich tat wie geheißen, denn ich wußte, ich würde bei der einen oder anderen Kurzgeschichte wieder darauf zurückgreifen können.

Hast du das gelesen?

„Ich bin Sommer“ stand auf einem Werbeplakatt, an dem ich vorbeifuhr. Sofort schrie mein Notizbuch in heller Aufruhr: „Stopp! Hast du das gelesen?“
„Ja, das habe ich“, antwortete ich und fuhr sogleich rechts ran, um mein Notizbuch zufrieden zu stellen, damit es Ruhe gibt.

Vor drei Wochen sprach ich zu ihm: „Hör mal, wir werden in den Urlaub fahren. An die Ostsee. Aufgeregt lief es zu seinem Freund Pelikan und sprach: „Hast du gehört? Wir fahren in den Urlaub. Da wird es jede Menge Worte für uns geben.“

Pelikan liebte mein Notizbuch. Er war schon seit der Grundschulzeit mein treuester Begleiter. Pelikan ernährte sich auch von Worten. Und Tinte. Am Liebsten mochte er die Blaue. Ich hatte schon viele Notizbücher. Sehr unterschiedliche: Karierte. Linierte. Welche mit und welche ohne Bild. Bunte. Einfarbige. Große und Kleine. Aber Pelikan, mein Füller, der war geblieben. Der hatte sich mir versprochen. „Für immer“, sprach er damals, als ich ihn mit verliebten Augen in meine Hand schloß.

Für immer du und ich

„Ja, für immer du und ich“, raunte ich ihm zu. Kam ich von der Arbeit nach Hause, so wartete er schon sehnsüchtig auf mich. Mit allem Verständnis, das er aufbringen konnte, sagte er zart: „Ruhe dich erstmal aus, mein Schatz. Ich habe noch etwas mit dir vor.“

Am Abend zeigte er mir dann die Welt. Er sprach von Alliteration und Apostrophe. Las mir Gedichte vor, die er sich von Conrady besorgt hatte. Zog meine Sorgen schön an. Meine Augen sahen durch seine. Mein Herz schlug im Einklang zu seinem. Konnte man sich einen besseren Ehemann wünschen?

Im Urlaub nahm ich mir Pelikan und mein Notizbuch zur Seite und sprach: „Hört mal, ihr zwei, ich habe da einen Menschen kennengelernt und ich liebe sie.“

Beide waren still. Schauten mich mit großen Augen an. Bis Pelikan nach Worten suchte und fragte: „Und, weiß sie von unserer Beziehung?“
„Ja, das tut sie und es ist für sie okay. Sie weiß, dass sie mich mit dir teilen muss.“

Die Augen meines Notizbuches leuchteten vor Aufregung und sogleich rief es aus: „Gib mir Worte und ich verwandel sie in ein liebreizend Geschenk für deine neue Freundin.

Oh, Pelikan, hast du gehört? Wir dürfen ihr was Bezauberndes schreiben. Und das immer und immer wieder. Jetzt wird sie uns mehr als zuvor brauchen!“

Ich erinnere mich gut an das erste Mal, als ich sie nach dem Urlaub mit nach Hause nahm. Alle drei verstanden sich auf Anhieb. Ich war so glücklich.

Verzweifelt suchte ich mit Pelikan nach Worten

Wir vereinbarten, dass Pelikan und meinem Notizbuch der Samstag gehörte. Außerdem die Kranken- und Urlaubstage, so lange wie meine neue Freundin arbeitete. Zum Einkaufen durften sie mich nach wie vor begleiten, auch zu Ausflügen, oder zur Arbeit.

Meine Liebe zu ihr wurde immer stärker. Verzweifelt suchte ich mit Pelikan nach Worten. „Pelikan, was soll ich machen? Der Ausdruck „Ich liebe dich“ sagt nicht annähernd das aus, was ich für sie empfinde. Kannst du mir helfen?“

„Komm, wir setzen uns mit unserem Notizbuch zusammen. Es ist ein helles Köpfchen.“

Und so schrieben wir. Gedichte über Gedichte. Allesamt nicht aussagekräftig genug für das, was ich für sie empfand. Müde und betroffen sah Pelikan mich an. „Ich weiß, was wir ihr schreiben können. Wußte es von Anfang an. Scheute mich nur davor, aus Angst, dich zu verlieren.“

„Papperlapapp“, rief mein Notizbuch aus, „es läuft doch alles ganz wunderbar. Komm Pelikan, erzähle. Was kann sie ihr schreiben?“
„Eine Liebeserklärung und“…
Er zögerte, bevor er weitersprach. Kam ins Stottern.
„…und…und…einen Antrag.“
„Dann ist es jetzt also soweit“, flüsterte mein Notizbuch und Pelikan nickte ihm zu.

Mein tintenblaues Herz

Es war der 4. August diesen Jahres als ich ihr einen Antrag machte. Sie sagte Ja. Ja liebte ich. Ja machte mich glücklich.
„Habt ihr gehört? Sie hat Ja gesagt. Ja ja ja!“

Es war das zweite Mal in meinem Leben, dass ich ein Ja bekam. Das erste damals von Pelikan und das zweite jetzt von ihr. Und genau wie ihn werde ich sie behüten. Genau wie er mir seine Welt zeigte, lasse ich mir ihre zeigen. Nur dass die Worte nun andere waren. Beide Welten zusammen machten meine Welt sichtbar. Stärkten mich. Gaben mir Halt.

Mein Notizbuch pflegte meine Gefühls- und Gedankenwelt und stattete meinen Seelen- und Geistesleib mit höheren Sinneswerkzeugen aus, so dass mein tintenblaues Herz für das Göttlichste der Welt geöffnet werden konnte: der wahrhaftesten und aufrichtigsten Liebe zu einem anderen Menschen.

Nicht bloß Worte.

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