Beitrag zum Wettbewerb „Notizbuch“ von David Betzing

David Betzing ist Student der Geschichte und Germanistik

»Das Ende ist der Anfang« oder »Opfer der modernen Zeit«

Ich klappte mein Notizbuch zu

Niemand, der ohne Sorgen ist, fängt an zu schreiben, dachte ich mir. Ich klappte mein Notizbuch für diesen Tag zu. Meine Pflicht war getan, ein weiterer Tag dokumentiert. Falls sich irgendwann mal jemand für mein Leben interessieren sollte.

Ich legte es auf meine metallene Ablage über meinem metallenen Schreibtisch. Alles hier war aus Metall, Glas oder Plasma. Im Weltraum mussten die Materialien widerstandsfähig sein. Mein Notizbuch hingegen war in einen Ledereinband gebunden, mit Papier aus handgeschöpften Rosenblättern. Ich hatte es extra von der Erde hierher transportieren lassen. Fast mein ganzer karger Lohn ging dafür drauf. Ich musste immer ein Jahr im Voraus bestellen, damit es rechtzeitig ankam, wenn ich das letzte Buch vollgeschrieben hatte. Hier, auf dem Außenposten im Musk-System, bekam man Lust aufs Schreiben.

Rollladen meiner Wohnkugel

Ich kurbelte den Rollladen meiner Wohnkugel hoch. Das rötliche Licht des Zentralgestirns fiel über zwanzig Spiegel genau auf mein Bett. Sie rotierten mit der Station. Ohne die Rollläden herrschte immerzu Tag. Draußen hatten sich unter der großen Park-Kuppel die Frühaufsteher versammelt, um Musk anzubeten, den Stern des Systems. Zumindest sah es so aus. Natürlich waren sie nicht wirklich anwesend. Bloß ihre Hologramme warfen sich nieder. Ich konnte diese lachhaften Gestalten nicht länger ertragen. Begegnen tat ich ihnen eh nur selten real, digital ließ ich nicht gelten. Ich war analog. Deswegen auch das Notizbuch.

Ich wollte den Rollladen wieder herunterkurbeln, doch der Griff war wohl abgefallen, ohne dass ich es bemerkt hatte. Meine Hand griff ins Leere. Mir war es egal. Ich hatte keine Lust, mich zu bücken und nach dem Griff zu suchen, ich hatte nie Lust, etwas zu reparieren. Allmählich verfiel alles, ich inbegriffen. Ich zählte die Tage, die ich noch hier war.

Ein durchdringendes Jaulen

Plötzlich brach ein durchdringendes Jaulen los. Ich fuhr zusammen. Es schmerzte in meinen Ohren. Es war der Ruf zur Arbeit. Der Alarm war wahrscheinlich vom Gyroskop ausgelöst worden. Der Gravitationsstabilisator fiel regelmäßig aus. Und wenn schon. Wenn wir in Musk stürzen würden, wäre es mir egal gewesen. Ich ignorierte den Alarm. Vielleicht war ich gar nicht gemeint.

Ich legte mich in meine Schlafkoje, nahm einen Tennisball und warf ihn vor mich gegen die Wand. Es donnerte und der ganze Raum vibrierte von den Erschütterungen des Balles. Das größte Problem im Weltraum war der Kampf gegen die Langeweile. Sie konnte einen wahnsinnig machen.

Wie ein Regenschauer im Wald

Der Ball war völlig zerfleddert. Grüne Stoffreste hingen in Fetzen vom Kunststoffgehäuse. Sie waren vom Sabber meines Hundes verfilzt. Auf der Erde war er mein treuer Begleiter gewesen. Er fehlte mir. An dem Ball klebte noch sein Geruch. Nass, dreckig, aber auch rein irgendwie. Mein Hund – sein Name fiel mir gerade nicht ein – roch wie ein Regenschauer im Wald.

Der Gedanke an ihn bereitete mir ein undefinierbares Gefühl, keinen Stich, eher die Ahnung, dass ich etwas vergessen hatte. Ich schüttelte es ab.

Der Alarm ging erneut los. Ich stand auf, um den Ball wegzulegen.

Alles an der Erde war nur noch eine ferne Erinnerung. Auch wenn es mir jetzt merkwürdig vorkam, damals, bei meinem Aufbruch, war es ein Glück gewesen, hierher zu kommen. Ich hatte mich freiwillig gemeldet, um in die Ferne zu fliehen, den romantischen Zufluchtsort.

Die Erde, die es heute nicht mehr gab

Jahrelang hatte ich nicht mehr an die ersten Tage zurückgedacht. Mein Herz wurde schwer.

Ich legte mich wieder aufs Bett, die Augen geschlossen, und fiel in einen unruhigen Schlaf. Gesichter von der Erde blitzten im Rhythmus des Alarms auf.

Als ich die Augen wieder aufschlug, war von den Hologrammen vor dem Fenster nichts mehr zu sehen. Der Alarm störte weiterhin penetrant. Ich griff in das Regal über mir und nahm einige alte Notizbücher heraus. Sie stammten aus meiner Anfangszeit vor drei Jahren. Kurze schnelle Striche formten plastische Landschaften. Man konnte direkt in sie hineingehen und die blühende Natur bewundern. Es war die Erde, wie es sie heute nicht mehr gab. Friedlich lebten die Tiere miteinander. Ein idyllischer Traum. In den Bildern stand man mit den Vögeln auf und lauschte ihrem hellen Gesang. Von den Ebenen, wo das Gras wallte, sprach die Freiheit. In den Wäldern konnte ich zur Ruhe kommen. Und das wilde Meer war mein Gegenpol. All das fühlte ich wieder aufwallen, als ich mir die Zeichnungen ansah. Um so weiter ich blätterte, umso seltener wurden sie. Irgendwann hatte ich ganz aufgehört und die vergangene Erde war zu einem nie mehr erreichbaren Ideal geworden.

Stärker als die Hologramme

Der Alarm meldete sich erneut. Ich hielt ihn nicht länger aus. Er war zu einem dumpfen Pochen verkommen, einem pulsierenden Schmerz. Ich stand auf, um ihm nachzugehen. Ich wollte mich meiner Lethargie nicht hingeben, denn das wäre einem Eingeständnis der Schwäche gleichgekommen. Doch ich war stärker, stärker als die Hologramme. Mein Notizbuch war der Beweis.

Ich trat hinaus auf den Gang. Neonröhren flackerten. Ich folgte ihrem Licht bis zum Maschinenraum, wo ich den Fehler vermutete. Dicke Wände aus Carbon und Stahl isolierten den Raum. Hinter ihnen schlugen Kolben. Ihre Laute drangen undeutlich bis zu meinem Ohr. Es war warm, ungewöhnlich heiß sogar. Die Temperatur lenkte mich ab. Ich schritt zu einer Schalttafel zu meiner Linken und rief die Werte der Station ab. Die Position war normal, die Station folgte ihrer Umlaufbahn. Auch die sonstigen Werte waren in Ordnung, vor allem der Sauerstoffgehalt in der Atemluft war wichtig. Ich scrollte weiter. Die Lösung lag wie so oft nah. Die Lüftung hatte in Teilen versagt. Ich schnappte mir einen Werkzeugkasten und verschwand in den Untiefen der Halle. Ich arbeitete konzentriert, schwang den Schraubschlüssel und summte kein Lied dabei. Nach wenigen Minuten war die Arbeit getan. Ich kehrte in meine Kammer zurück.

Tagebuch war eine Pflicht

Die ganze Zeit über war mir der Ball nicht aus dem Kopf gegangen. Wann hatte ich eigentlich damit aufgehört, mein Notizbuch für Zeichnungen zu nutzen? Das Tagebuch war eine Pflicht. Mein Notizbuch liebte ich aus anderen Gründen. Ich konnte mir die Last von der Seele schreiben und mich befreien. Es war das Intimste, was ich besaß. Hier konnte ich mich ausleben. Kreativ sein. Ich selbst sein.

Ich zeichnete den Ball. Schweigend strich die Feder über das Weiß. Ich setzte einen letzten Strich. Das Büchlein war voll. Ich schlug es zu, spannte den Gummiverschluss darum und stellte es zu den anderen. Über meine Holo-Tafel bestellte ich sogleich eines nach. Die Abstände wurden größer, merkte ich, dafür stieg der Preis.

Blühende Landschaften

Das Zeichnen hatte mir neue Kraft gegeben. In den kleinen Bildern malte ich blühende Landschaften. Orchester tönten. Es waren Werke, auf die ich stolz war, die mich mit Freude erfüllten. Sie gaben mir das, wonach ich mich sehnte. Ich war in die Ferne gegangen, da ich mich nach Ruhe und Unabhängigkeit gesehnt hatte. Nur für mich, ohne eine Menschenseele. Still. Allein mit meinem Notizbuch, meinem treuen Begleiter.

Doch meine anfängliche Euphorie war über die Hologramme immer mehr ins Gegenteil verkehrt worden. Nicht jeder mag meinen Ärger verstehen, doch für mich waren sie Karikaturen dessen, was ich mir ersehnt hatte. Ich hatte bloß weg von der verkommenen Erde gewollt. Jetzt, wo ich endlich erkannt hatte, was mir das Analoge, Handfeste gab, da sah ich auch, dass meine Flucht von Anfang an Irrsinn gewesen war. Ausgerechnet in den Weltraum, im digitalen Zeitalter. Aber die alte Erde gab es eben nicht mehr, es war die einzige Option gewesen, Ruhe zu finden, wenn schon nicht eine Welt ohne Technik. Hier jedoch gehörte ich nicht hin, ich war aus der Zeit gefallen.

Deprimierender Gesprächspartner

Ich sah mich nach den Figuren um. Draußen spielten einige Fußball. Der Ball waberte zwischen den Projektionen hin und her. Man konnte ihn nicht riechen, schmecken, hören, fühlen. Die gespielte Fröhlichkeit der Hologramme deprimierte mich. Schließlich fasste ich einen Entschluss. Ich hielt es nicht länger aus. Hauptsache ich war weg von diesen Gestalten. Ich nahm den Tennisball und warf ihn durch das Fenster. Ich wollte ihre blöden Projektoren treffen, das einzig echte, angreifbare.

Das Display ging zu Bruch. Da fiel es mir wieder ein. Ich hatte mir die Außenwelt selbst geschaffen. Ich hatte ihre Anwesenheit gebraucht. Alleine hatte ich es nicht mehr ertragen. Das Notizbuch war mir ein zu deprimierender Gesprächspartner geworden.

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