Masochismus – Text Nr. 6 zum Wettbewerb

Warum ich schreibe?

von Andrea Gärtner

Masochismus – denke ich.

Ich muss einen ausgeprägten Drang haben, mich selbst zu quälen.

Anders kann ich es mir nicht erklären.

Zeitfrage

Das geht schon bei der Zeitfrage los.

Sofern man nicht Eremit aus Überzeugung oder millionenschwere Bestsellerautorin ist, muss das Schreiben neben allem anderen stattfinden: dem Broterwerb, dem Haushalt, der Paarbeziehung, der Sorge um oder für Familienangehörige, dem sozialen Gefüge, der Ausübung von Hobbies (der eigenen oder derer, denen die Familienangehörigen nachgehen) und dem eigenen Ruhebedürfnis

Dem ersten Feind gegenüber

Wenn dann endlich ein Zeitfenster zur Verfügung steht, sehe ich mich dem ersten Feind gegenüber. Dem weißen Blatt Papier.

Nichts, worüber nicht schon einmal geschrieben worden wäre. Nichts, was ausgerechnet ich zu sagen haben könnte, das die Welt interessiert. Nichts, was mir einfällt und nur im Entferntesten spannend, lustig oder wenigstens mäßig unterhaltsam wäre. Nichts – außer dem großen schwarzen Loch in meinem Kopf, das jegliche Phantasie geschluckt hat.

Manchmal gelingt es aber eben doch in den hart erkämpften Schreibzeiten etwas zu Papier zu bringen. Neue Welten zu erschaffen; Traumprinzen zu backen und Monster in die Hölle zu schicken, aus der sie gekrochen kamen; Grenzen zu überwinden; mutige Verrücktheiten auszuprobieren und hochkomplizierte Denkkonstrukte in leichte Sprache zu übersetzen.

Diese Phase des Schreibens ist die der Lust!

Dem Rotstift zum Opfer

Doch ach, dabei bleibt es ja nicht. Die Überarbeitung ist der nächste Gegner, dem ich mich stellen muss. Nun gilt es also gnadenlos zu streichen. Viele der eben noch herausgekitzelten, geliebten und unersetzlichen Wörter fallen dem Rotstift zu Opfer, werden verschoben, verändert, hinterfragt und sogar gelöscht. Autsch.

Doch damit nicht genug. Was schließlich meine Zensur überlebt hat, wird veröffentlicht. Dabei ist völlig egal, ob der Text im Freundeskreis kursiert, in einem Blog geschrieben steht oder tatsächlich in einem Buch publiziert wird. Diese Phase ist die wohl schmerzhafteste.

Da habe ich mein Innerstes nach außen gekehrt, in jede Silbe meine Persönlichkeit einfließen lassen, meinen Überzeugungen und Meinungen ihren Weg in den Text geebnet und nun setze ich mich und mein Werk der Kritik anderer aus.

Und das weiß man ja – die sind nicht gerade zimperlich.

Warum also schreibe ich?

Das frage ich mich jedes Mal aufs Neue, wenn ich sehnsüchtig die erste Rückmeldung zu einem neuen Text erwarte.

Warum tue ich mir das an?

Masochismus[1] – anders kann ich es mir nicht erklären.

[1] Masochismus, der

Synonyme: Befriedigung durch Qual, Freude am eigenen Leid

 

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